Seit Wochen bekomme ich zu hören - „Chef, wir brauchen einen Tabaklebenslauf von Dir“. Aber wenn ich so darüber nachdenke, ist das kein klassischer Lebenslauf, den man mal soeben platt niederschreibt. Man kann seine Lieblingszigarren nicht wie Arbeitsstellen aneinanderreihen. Aber es gibt in meinem Leben Erinnerungen und Erlebnisse, die eng mit der Zigarre verbunden sind.
Der Geruch des Tabakladens gehört zu einer der frühesten Erinnerungen meiner Kindheit. Meine Großeltern betrieben seit 1956 einen der ersten Tabakläden in Passau. Der Besuch in diesem Laden war mit einem Geräusch und einem Geruch verbunden. Das metallene Klingen der Glocke an der Tür und der süssliche Geruch von Tabak und Zigarrenrauch. Wahrscheinlich fand ich den Laden auch deshalb so angenehm, weil mein Bruder und ich immer eine Tafel Schokolade bekommen haben. Wie auch immer, Tabak und Zigarren gehörten schon immer zum Alltag. Als mein Vater unseren Tabakladen in der Bahnhofstraße eröffnete, waren das Geschäft und dessen Produkte tägliches Gespräch beim Abendessen. Oft ging es um die alltäglichen Probleme eines Einzelhändlers, aber auch immer wieder um besonders gute Zigarren oder Tabake. Ein besonderes Highlight im Jahr war immer der September, da fuhr der Senior zur Inter-tabac nach Dortmund bzw. zur ERMURI Tabaksmesse nach Würzburg und kam mit den neuesten Zigarren und Tabaken zurück. Diese Zigarren wurden dann zu Hause auf Herz und Nieren bzw. auf Geschmack und Abbrand getestet. Mit 16 durften wir dann auch an diesen Probiernachmittagen teilnehmen und wir wurden von unserem Vater in die Kunst des Zigarrerauchens eingeweiht. Und um ehrlich zu sein, Geschmack fanden wir an der Zigarre in diesem Alter noch nicht.

Ich beendete die Schule und stand nun vor der Wahl: Was möchte ich werden? Das letzte was man als Teenager lernen möchte, ist der Beruf des eigenen Vaters. Eine kaufmännische Ausbildung wurde es bei mir trotzdem, aber nicht im Einzelhandel - der Tourismus und das Reisen waren meine große Leidenschaft. Ich lernte den Beruf des Reiseverkehrskaufmanns. Zigarren wurden nur zur besonderen Gelegenheiten geraucht und die elterliche Firma hat mich weiter nicht mehr interessiert.
Nach meiner abgeschlossenen Lehre zog es mich in die Ferne. In Washington DC wurde ich von einem großen Reisebüro angestellt. Die Out of Town Games der Washington Redskins und die Kreuzfahrtabteilung von Didion World Cruises waren meine Arbeitsstelle für die nächsten Jahre. Und hier wurden die Zigarren wieder interessant. Allerdings nicht so, wie man auf den ersten Blick vermutet. In den Care Paketen, die meine Mutter mir in regelmäßigen Abständen schickte, waren neben dem lebensnotwendigen Nuss-Nougat-Aufstrich auch die für mich so wichtigen, kubanischen Zigarren. Als Sohn eines deutschen Tabakhändlers hatte ich, als einer der wenigen in den USA, Zugang zu kubanischen Zigarren. Die ich aber nur selten rauchte! Um in die besten Clubs, wie zum Beispiel „The Bank“ zu kommen, musste man den Türstehern entweder kennen oder horrende Bestechungsgelder bezahlen. Tja, ich kannte niemanden und Geld hatte ich auch keines. Aber ich hatte kubanische Zigarren. Echte Montecristo und Romeo y Julieta waren meine Türöffner für die angesagten Locations.

Nach zwei Jahren lief mein „Praktikums-VISA“ für die USA aus. Die Firma wollte mich behalten und hatte einen „Immigrations-Lawyer“ engagiert. Ziel war es, mir den weiteren Aufenthalt in den USA zu ermöglichen. Ich hatte die begehrte Green Card beantragt und ich war nur noch eine Unterschrift davon entfernt, in den USA dauerhaft heimisch zu werden. Da erreichte mich ein Care Paket von zu Hause. Gefüllt mit Weißbier, guten Zigarren und einem Brief. Der Inhalt des Briefes war sehr kurz. „Rauche eine gute Zigarre und denke nochmal in Ruhe nach.“ Dies war einer der besten Ratschläge meines Vaters. So saß ich auf unserer überdachten Veranda in Arlington, Virginia - schmauchte eine gute Zigarre ohne Virginia Tabak und dachte über meine Pläne und mein Leben nach.
Nach fünf Tagen packte ich meine zwei Koffer und flog mit der Air France zurück nach Europa. Air France war damals die letzte Airline, die eine „Raucherlounge“ im Flugzeug hatte. Die Mittel-Galley der 747 wurde mit schweren Vorhängen abgehängt und dort durfte dann geraucht werden. Einige der Fluggäste saßen nur zum Start und zur Landung im eigenen Sitz. In der Galley herrschte immer gute Stimmung. Der Alkohol floss in Strömen und das Passivrauchen bekam ein völlig neue Bedeutung.
Zurück in Deutschland war mein nächster Arbeitgeber eine Lufthansa Tochter. Ich hatte weder etwas mit Reisen noch mit Tabak zu tun und wirklich zufrieden mit meiner Jobsituation war ich auch nicht. Das haben meine Eltern wohl erkannt und mich in die eigene Firma gelockt.

So bin ich also im elterlichen Zigarrengeschäft gelandet. Sehr schnell habe ich meine Leidenschaft für das herrliche Produkt Zigarre entdeckt und bin geblieben. Seit her bin ich leidenschaftlicher Unternehmer und Tabakhändler. Der Menschenschlag der Aficionados und Pfeifenraucher ist ein ganz besonderer. Ich erlebe meine Kunden täglich als ausgeglichen und entspannt. Kaum ein Kunde, der den Zigarrenhändler ärgert. Und so blieb ich in einer Branche hängen, in die ich ursprünglich auf keine Fall wollte. Bin täglich fasziniert von Produkten, die ich nie verkaufen wollte und bin immer noch gespannt auf die nächste neue Zigarre, die ich noch nicht probiert habe.
Diese Leidenschaft versuche ich täglich zu verkaufen. Nicht die Zigarre an sich ist der Genuss - die Zigarre ist in der heutigen Zeit nur das Medium. Das Medium für gute, lange Gespräche. Für Momente der Einkehr, in welchen man in Ruhe nachdenken kann. Ein Zigarre braucht ihre Zeit und Geselligkeit. Hier liegt in der heutigen Zeit der wahre Genuss. Die Zeit im Freundeskreis, das gute Gespräch bei einer Zigarre oder einfach nur der ruhige, meditative Moment für einen selbst.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen angenehmen Rauchgenuss!
Ihr
Peter Stephani